Donnerstag - 26. November 2015

Hans-Jörg Weitbrecht Wissenschaftspreis 2015:

Drei Wissenschaftler ausgezeichnet

Der Preis dient der Förderung der klinischen Forschung in Neurologie und Psychiatrie / Bayer HealthCare Deutschland stiftet die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung

Leverkusen, 26. November 2015 – Der mit 10.000 Euro dotierte „Hans-Jörg Weitbrecht Wissenschaftspreis 2015“ wird in diesem Jahr an drei Wissenschaftler vergeben: Privatdozentin Dr. rer. nat. Kristina Endres, Mainz, erhält die Auszeichnung für ihre Forschungsarbeit zu „synthetischen Retinoiden als neuer Therapieansatz bei der Alzheimer-Demenz“. Privatdozent Dr. med. Nikolaos Koutsouleris, München, wird für seine Arbeiten zur „individualisierten bildgebungsbasierten Diagnostik und Prognostik psychiatrischer Erkrankungen“ geehrt und Privatdozent Dr. med. Hendrik Rosewich, Göttingen, für die Forschung auf dem Gebiet der „ATP1A3-assoziierten Bewegungsstörungen im Kindes- und Erwachsenenalter.“ Der Preis wird von Bayer HealthCare Deutschland für „besondere Leistungen auf dem Gebiet der Neurowissenschaften“ ausgeschrieben und dient der Förderung der klinischen Forschung in der Neurologie und Psychiatrie. Die Verleihung findet anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Düsseldorf sowie dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin statt.

Retinoide – ein möglicher neuer Therapieansatz bei der Alzheimer-Demenz
Die Alzheimer-Demenz stellt eine der großen Herausforderungen in den klinischen Neurowissenschaften dar. Bis zum Jahr 2050 dürfte die Zahl der Betroffenen dabei aufgrund der demographischen Entwicklung auf rund 135 Millionen weltweit angestiegen sein. Eine Heilung der Erkrankung ist bislang nicht möglich, es kann lediglich symptomatisch therapiert werden, so dass noch ein erheblicher medizinischer Bedarf für neue Therapiestrategien besteht.

Ein neuer Ansatz, für dessen Erforschung der Wissenschaftspreis beim DGPPN-Kongress an PD Dr. Endres verliehen wurde, ist die alpha-Sekretase ADAM 10 (A disintegrin and metalloproteinase 10). Das Enzym spaltet das Amyloid-Vorläuferprotein, verhindert damit die Bildung toxischer Proteine und verstärkt die Freisetzung von Nervenwachstumsfaktoren, so dass mit seiner Beeinflussung möglicherweise gleich zwei therapeutische Hebel bei der Alzheimer-Demenz anzusetzen sind.

Wie Endres nachgewiesen hat, lässt sich die alpha-Sekretase in Zellkulturen wie auch im Alzheimer-Tiermodell durch Retinsäure-Derivate stimulieren. Außerdem konnte die Wissenschaftlerin zeigen, dass das synthetische Retinoid Acitretin, das bereits zur Behandlung der Psoriasis zugelassen ist, wie auch der Wirkstoff Tamibarotene, der in Japan zur Therapie der akuten promyeloischen Leukämie genutzt wird, die Aktivität des humanen ADAM 10-Gens steigern. Offen ist nach Endres allerdings noch die Frage, inwieweit das synthetische Retinoid nicht nur die Aktivität der alpha-Sekretase stimuliert, sondern auch die kognitive Leistungsfähigkeit von Alzheimer-Patienten günstig beeinflussen kann.

Forschungsziel ist die biomarkergestützte prädiktive Psychiatrie
Bei den Forschungsarbeiten von PD Dr. Koutsouleris geht es um die Entwicklung einer apparativen Zusatzdiagnostik wie der Magnetresonanztomographie in Kombination mit statistischen Lernverfahren (Mustererkennungsalgorithmen). Damit lassen sich hirnorganische Korrelate als Biomarker für psychiatrische Erkrankungen nachweisen. Der Wissenschaftler, dem für diese Forschungstätigkeiten der Preis ebenfalls anlässlich der DGPPN-Tagung in Berlin verliehen wurde, sucht in seinen Arbeiten nach objektivierbaren Signaturen, anhand derer sich das Erkrankungsrisiko zum Beispiel für die Schizophrenie oder Depressionen besser als mittels der bisher üblichen klinischen Einschätzung identifizieren und quantifizieren lässt.

Koutsouleris konnte anhand der multivariaten Analyse hirnstruktureller Unterschiede zeigen, dass es bei unter 30-jährigen schizophrenen und depressiven Patienten offenbar vergleichbare Signaturen gibt, was nach seinen Worten den klinischen Phänotyp der Depression in dieser Altersgruppe in Frage stellt. Außerdem scheint es bei der Depression abhängig vom Erkrankungsalter unterschiedliche Korrelate im Gehirn zu geben, die möglicherweise auch unterschiedlich zu behandeln sind.

Die Befunde sind nach Angaben des Forschers von grundlegender Bedeutung für die mögliche Einführung biomarker-gestützter Algorithmen in die Differentialdiagnostik psychiatrischer Erkrankungen. Die aktuellen Forschungsergebnisse deuten zudem an, dass möglicherweise die Definition der Depression zu stratifizieren ist.

In weiteren Untersuchungen hat Dr. Koutsouleris nachweisen können, dass es bei der Schizophrenie und Depression sowie der Borderline-Persönlichkeitsstörung neuroanatomische Voralterungseffekte des Gehirns (BrainAGE) gibt, wobei eine deutliche Korrelation zwischen dem Alter bei Erkrankungsbeginn sowie der Ausprägung der Negativsymptomatik bestand. Der Zusammenhang kann möglicherweise zur prognostischen Abschätzung des Krankheitsverlaufs genutzt werden.

Genetische Ursache der alternierenden Hemiplegie im Kindesalter entdeckt
Für die Entdeckung der genetischen Ursache der seit mehr als 40 Jahren bekannten alternierenden Halbseitenlähmung im Kleinkindalter (Alternating Hemiplegia of Childhood, kurz AHC) wurde PD Dr. Rosewich beim DGN-Kongress der Hans-Jörg Weitbrecht-Wissenschaftspreis 2015 verliehen. Bei der Erkrankung, bei der urplötzlich die halbe Körperseite der Kinder gelähmt ist, wird häufig an einem Schlaganfall gedacht und eine umfassende Diagnostik veranlasst.

Ursache der seltenen neurologischen Erkrankung ist jedoch ein Defekt im ATP1A3-Gen, das auf Chromosom 19 liegt. Es kodiert für eine Natrium-Kalium-Pumpe, die von entscheidender Bedeutung ist für den Erhalt des Ruhepotenzials und somit auch für die Reizweiterleitung in Nervenzellen. Die Folge sind, so Rosewich, Bewegungsstörungen und auch Störungen der kognitiven Funktion. Tritt die Halbseitenlähmung bei einem Kind auf, so kann die Diagnose nunmehr anhand genetischer Untersuchungen gestellt und dem betreffenden Kind können belastende Untersuchungsverfahren erspart werden.

Mutationen im ATP1A3-Gen sind nach Angaben des Wissenschaftlers auch die Ursache beim sogenannten Dystonie-Parkinson-Syndrom mit raschem Beginn (Rapid onset Dystonia Parkinsonism, kurz RDP), das ebenfalls mit einer schwerwiegenden Bewegungsstörung einhergeht. Die neuen Befunde deuten darauf hin, dass es sich bei den beiden Krankheitsbildern möglicherweise um eine Entität handelt. „Sie geben uns zudem die Möglichkeit, die Pathogenese der beiden Krankheitsbilder genauer zu untersuchen“, so Rosewich. Die neuen Daten bieten nach seinen Worten zudem Ansatzpunkte für die Entwicklung verbesserter medikamentöser Therapiemöglichkeiten bei beiden Störungen.

Hans-Jörg Weitbrecht – renommierter Psychiater und Neurologe
Der Hans-Jörg Weitbrecht Wissenschaftspreis 2015 wurde in diesem Jahr bereits zum 14. Mal verliehen. Die Auszeichnung ist benannt nach Hans-Jörg Weitbrecht (1909-1975), einem renommierten Psychiater und Neurologen, der von 1956 bis zu seinem Tod den Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie der Universität Bonn innehatte. Weitbrecht vertrat sowohl die Psychiatrie wie auch die Neurologie in Forschung, Lehre und Krankenversorgung. Darüber hinaus war er seit 1946 Mitherausgeber der Zeitschrift „Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie“. Von der eigenen wissenschaftlichen Arbeitsrichtung her vorrangig Psychiater, verfasste er bedeutende Arbeiten zur klinischen Psychopathologie. Parallel dazu zeichnete ihn ein methodisch fundiertes Verständnis für neurologische Fragestellungen und ein besonderes Interesse an den hirnbiologischen Grundlagen aus.

Weitbrecht galt Zeit seines Lebens als unorthodox denkender, fortschrittlicher und für die Freiheit der Forschung und Unabhängigkeit eintretender Wissenschaftler. Er nahm keine Rücksicht auf herrschende Lehrmeinungen oder politische Zeitströmungen.

Der von Bayer HealthCare Deutschland gestiftete „Hans-Jörg Weitbrecht Wissenschaftspreis“ wird alle zwei Jahre für besondere Leistungen auf dem Gebiet der klinischen Neurowissenschaften ausgeschrieben. Der Preis dient der Förderung der klinischen Forschung in Psychiatrie und Neurologie. Sich bewerben oder vorgeschlagen werden können Wissenschaftler, die herausragende Arbeiten zur Ursachen- und/oder Therapieforschung bei neurologischen und/oder psychiatrischen Erkrankungen geleistet haben und im Jahr der Preisverleihung nicht älter als 45 Jahre sind. Der Preis kann geteilt oder auch mehreren Personen zugleich für eine gemeinsame wissenschaftliche Arbeit zuerkannt werden. Eingereicht werden können bis zu drei thematisch zusammenhängende Originalarbeiten, die nicht älter als fünf Jahre und bereits publiziert oder zur Publikation angenommen sind. Über die Bewertung der eingereichten Arbeiten und die Preisvergabe entscheidet ein Kuratorium mit folgenden Mitgliedern: P. Bussfeld, Leverkusen; H.C. Diener, Essen; K. Einhäupl, Berlin; P. Falkai, München; H.-P. Hartung, Düsseldorf; R. Hohlfeld, München; T. Klockgether, Bonn; J. Klosterkötter, Köln; A.C. Ludolph, Ulm; W. Maier, Bonn; H. Reichmann, Dresden; R. Wegener, Leverkusen.

Über Bayer HealthCare Deutschland
Bayer HealthCare Deutschland vertreibt die Produkte der in der Bayer HealthCare AG zusammengeführten Divisionen Animal Health, Consumer Care, Medical Care (Diabetes Care und Radiology) und Pharmaceuticals. Das Unternehmen konzentriert sich auf das Ziel, in Deutschland innovative Produkte in Zusammenarbeit mit den Partnern im Gesundheitswesen zu erforschen und Ärzten, Apothekern und Patienten anzubieten. Die Produkte dienen der Diagnose, der Vorsorge und der Behandlung akuter und chronischer Erkrankungen sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin. Damit will Bayer HealthCare Deutschland einen nachhaltigen Beitrag leisten, die Gesundheit von Mensch und Tier zu verbessern.

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Letzte Änderung: 7. Januar 2016 Copyright © Bayer AG